Pietismus

Pi|e|tịs|mus 〈[piə-] m.; -; unz.〉 protestant. Erweckungsbewegung im 17./18. Jh. (als Reaktion auf die als erstarrt empfundene Orthodoxie), die eine gefühlsbetonte Frömmigkeit u. tätige Nächstenliebe erstrebte [zu lat. pietas „Frömmigkeit“]

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Pi|e|tịs|mus [pi̯e…], der; - [zu lat. pietas, Pietät]:
protestantische Bewegung des 17. u. 18. Jh.s, die durch vertiefte Frömmigkeit u. tätige Nächstenliebe die Orthodoxie zu überwinden suchte.

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Pi|etịsmus
 
[zu lateinisch pietas »Frömmigkeit«] der, -, im 17. Jahrhundert einsetzende Bewegung innerhalb des Protestantismus, die eine geistliche Erneuerung der Kirche zum Ziel hatte. Entstanden als Gegenströmung zur lutherischen Orthodoxie, deren streng rationale Denkformen und nach wissenschaftlichen Formalkriterien formulierten Glaubensaussagen weithin die kirchliche Verkündigung prägten, betonte der Pietismus das Ideal eines an der Bibel orientierten praktischen Christentums, das sich in lebendiger (Christus-)Frömmigkeit und tätiger Nächstenliebe - der »praxis pietatis« - äußert und seine Grundlagen im regelmäßigen Bibelstudium und der vom einzelnen Christen bewusst erlebten geistlichen »Wiedergeburt« (Bekehrung) hat. In seinen Wurzeln bereits ins 16. Jahrhundert zurückreichend (J. Arnd, J. V. Andreä, J. Böhme), erlebte der Pietismus Ende des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts seine Blütezeit, fand im 19. Jahrhundert seine Fortsetzung in den Erweckungsbewegungen und wird in seinen wesentlichen Traditionen heute besonders durch die Gemeinschaftsbewegung repräsentiert.
 
Die Wurzeln des reformierten Pietismus liegen im englischen Puritanismus, der auch auf die Niederlande wirkte, von wo er, Ethik und Mystik verbindend (z. B. G. Voetius; Jodocus van Lodenstein, * 1620, ✝ 1677; Johannes Teellinck, * 1614, ✝ 1674), auch Eingang in das angrenzende Westdeutschland (v. a. den Niederrhein, G. Tersteegen) fand.
 
Der deutsche lutherische Pietismus erfuhr seine maßgebliche Prägung durch P. J. Spener. Mit seiner Schrift »Pia desideria« (1675) schuf er das Programm des Pietismus, mit den von ihm ins Leben gerufenen »Collegia pietatis« (zuerst 1670 in Frankfurt am Main) die für den Pietismus charakteristische Versammlungsform. Die ursprünglichen zur Predigtbesprechung und Vertiefung der Frömmigkeit veranstalteten privaten Versammlungen wurden seitens der kirchlichen Behörden als »Konventikeltum« argwöhnisch beobachtet und, nachdem sie zum Teil in den Sog separatistischen, auf Trennung von der Kirche gerichteter Bestrebungen geraten waren, vonseiten der lutherischen Orthodoxie scharf angegriffen. Ihre Mitglieder wurden von der Umwelt spöttisch Pietisten (Frömmler) genannt.
 
Eine auf die christliche Praxis ausgerichtete Akzentuierung erfuhr der Pietismus durch A. H. Francke in Halle (Saale). Die den »Halleschen Anstalten« (Franckesche Stiftungen) angeschlossenen Schulen übten eine besondere Anziehungskraft auf den evangelischen Adel aus. Auch der Begründer der Herrnhuter Brüdergemeine, N. L. Graf von Zinzendorf, eine der prägenden Persönlichkeiten des Pietismus im 18. Jahrhundert, erhielt seine Schulbildung in Halle (Saale).
 
Eine von Anfang an enge Verbindung zur Kirche kennzeichnet den württembergischen Pietismus. Herausragende Repräsentanten waren F. C. Oetinger und v. a. J. A. Bengel, der den für den württembergischen Pietismus charakteristischen Biblizismus mit seiner wissenschaftlichen Arbeit verband.
 
Neben dem innerkirchlichen Pietismus, dessen Selbstverständnis die Formel »ecclesiola in ecclesia« (»die kleine [bewusste] Kirche in der großen [allgemeinen] Kirche«) stand, entwickelte sich der radikale Pietismus, der v. a. von der Mystik und dem Spiritualismus beeinflusst wurde und aus der Kirche hinausstrebte. Bekannteste Vertreter sind G. Arnold, J. K. Dippel, Friedrich Breckling (* 1629, ✝ 1711) und J. W. Petersen mit seiner Frau Johanna Eleonore von Merlau (* 1644, ✝ 1724). Frauen spielten im radikalen Pietismus eine besondere Rolle (z. B. Eva Margaretha von Buttlar).
 
Der Pietismus hat neben den Anstößen für Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte (v. a. durch Arnold) entscheidende Wirkungen im Bereich des kirchlichen Lebens entfaltet. Er förderte Bibelstunden, Katechismusunterricht und Konfirmation, erreichte eine Belebung von Gottesdienst und Predigt und brachte eine Vielzahl von neuen Kirchenliedern (Zinzendorf, Tersteegen, J. Neander) hervor. Seine Verdienste um Text und Verbreitung der Bibel sind grundlegend. Entscheidendes leistete der Pietismus für die Armenfürsorge, die innere und äußere Mission und die Annäherung der Konfessionen.
 
Der Pietismus prägte nachhaltig die geistesgeschichtliche, gesellschaftliche, politische und pädagogische Entwicklung im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Das Wirken von Francke und seinem Schüler J. J. Hecker hatte starke Auswirkungen auf das Schulwesen. Auch die direkte (S. G. Lange, I. J. Pyra; Hallescher Dichterkreis) und indirekte Wirkung des Pietismus auf die deutsche Literatur und Sprache war bedeutend. G. E. Lessing, I. Kant, Schiller, J. H. Jung-Stilling u. a. wurden pietistisch erzogen, Prägungen und Einflüsse finden sich aber auch bei Goethe, J. G. Hamann, J. G. Herder, F. Hölderlin, F. G. Klopstock, J. K. Lavater, K. P. Moritz und F. D. E. Schleiermacher. Die Entwicklung psychologischer, Individualität und Subjektivismus betonender literarischer Formen wie Bildungsroman, Tagebuch und Autobiographie empfingen wichtige Anregungen durch die Darstellungen christlichen Lebens und Wirkens, denen der Pietismus große Bedeutung in der Frömmigkeitspraxis zumaß. Entscheidende Impulse gingen von der religiösen Erlebniswelt des Pietismus v. a. auf die Empfindsamkeit (Freundschaftsbünde, Naturgefühl) und auf die weltliche Erlebnis- und Bekenntnisdichtung aus.
 
 
A. Ritschl: Gesch. des P., 3 Bde. (1880-86, Nachdr. 1966);
 K. Deppermann: Der hallesche P. u. der Preuß. Staat unter Friedrich III. (1961);
 E. Hirsch: Gesch. der neuern ev. Theologie, Bd. 2 (31964, Nachdr. 1984);
 F. E. Stoeffler: The rise of evangelical pietism (Leiden 1965, Nachdr. ebd. 1971);
 G. Kaiser: P. u. Patriotismus im literar. Dtl. (21973);
 
P. u. Neuzeit. Ein Jb. zur Gesch. des neueren Protestantismus (1974 ff.);
 H. Leube: Orthodoxie u. P. (1975);
 
Gestalten der Kirchengesch., hg. v. M. Greschat, Bd. 7: Orthodoxie u. P. (1982);
 W. Martens: Lit. u. Frömmigkeit in der Zeit der frühen Aufklärung (1989);
 H.-G. Kemper: Dt. Lyrik der frühen Neuzeit, Bd. 5,1: Aufklärung u. P. (1991);
 
Gesch. des P., hg. v. M. Brecht u. a., auf 4 Bde. ber. (1993 ff.);
 B. Hoffmann: Radikal-P. um 1700. Der Streit um das Recht auf eine neue Gesellschaft (1996);
 U. Witt: Bekehrung, Bildung u. Biogr. Frauen im Umkreis des Halleschen P. (1996).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Pietismus: Kirche in der Kirche
 

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Pi|e|tịs|mus [pi̯e...], der; - [zu lat. pietas, ↑Pietät]: protestantische Bewegung des 17. u. 18. Jh.s, die durch vertiefte Frömmigkeit u. tätige Nächstenliebe die Orthodoxie zu überwinden suchte.

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Pietismus — Pi|e|tịs|mus 〈[piə ] od. [pie ] m.; Gen.: ; Pl.: unz.〉 protestant. Bewegung im 17./18. Jh. (als Reaktion auf die als erstarrt empfundene Orthodoxie), die eine gefühlsbetonte Frömmigkeit u. tätige Nächstenliebe erstrebte [Etym.: <lat. pietas… …   Lexikalische Deutsches Wörterbuch

  • Pietismus — Pi|e|tis|mus der; <zu ↑...ismus> protestantische Bewegung des 17. u. 18. Jh.s, die durch vertiefte Frömmigkeit u. tätige Nächstenliebe die ↑Orthodoxie zu überwinden suchte …   Das große Fremdwörterbuch

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